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Riding the "Death-Road" - Die gefährlichste Straße der Welt!
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La Paz, Bolivien. 40 Kilometer im Nord-Osten der 2 Millionen Metropole La Paz erreicht die berüchtigte "Ruta 3" auf 4800 Metern ihren höchsten Punkt. Von da an schlängelt sie sich zuerst über Asphalt, später dann nur noch auf Schotter und Sand, in 64 Kilometern Länge runter bis auf 900 Meter über dem Meeresspiegel. Rein idyllisch ist die Straße ein Genuss. Der Start auf fast 5000 Metern Höhe liegt an einem wunderschönen Bergsee. Dieser wird umragt von den bis zu 6400 Meter hohen Bergen der Codillera Real. Ein eisiger Wind weht hier oben, aber in Anbetracht der Leistung, die in den nächsten 4 Stunden erbracht werden muss, kann man gar nicht frieren.

Von hier ab führt die Ruta 3 durch das Yungas Tal, eines der Hauptanbaugebiete fuer Coca-Pflanzen. Steile, grüne Hänge säumen die Straße zu beiden Seiten. Überall rauschen Wasserfälle bis zu 300 Meter in die Tiefe. Condore kreisen durch die klare Luft und es gibt kaum Verkehr oder Zivilisation, die diese Ruhe stören könnte. Doch ab Kilometer 35 stört etwas dieses friedliche Bild: Kurz hinter dem asphaltierten Abschnitt blinken metallische Teile aus dem knapp 1000 Meter tiefen Tal auf. Hier, an den Todeskurven der Straße, befinden sich auf beiden Seite der 3 Meter breiten Straße nur noch Steilhänge. Der eine führt steil nach oben zu den Gipfeln der Berge, der andere 1000 Meter steil nach unten in das Tal. An dieser Stelle erwischt es pro Woche im Durchschnitt einen LKW bzw. einen Bus, der durch überhitzte Bremsen bzw. durch Gegenverkehr in den engen Kurven in die Tiefe rauscht. Im Tal sammelt sich mittlerweile der Schrott aus mehreren Jahren. Da die Feuerwehr von La Paz mit ihren 41 Personen für 2.000.000 Einwohner chronisch unterbesetzt ist, finden keine Rettungs- oder Bergungsaktionen mehr statt. Alles was in das Tal fällt, ist dort begraben.

Dienstag, 9:30 Uhr. Nach fast 2 Stunden Fahrt haben wir mit fast einer Stunde Verspätung den höchsten Punkt der Ruta 3 erreicht. Man gewöhnt sich daran. In Süd-Amerika sind alle Zeitangaben nur grobe Richtzeiten. So gibt es für die örtlichen Kleinbusse auch keine Fahrpläne. Sie kommen einfach wenn sie kommen. Das stört hier niemanden. Dementsprechend entspannt ist die Stimmung der elf Biker, die sich aus fünf Nationen zusammengefunden haben, um heute die Todesstraße zu fahren, an der auch schon Wettkämpfe von Red-Bull ausgetragen wurden. An dem idyllischen Bergsee laden wir die Bikes vom Dach des Wagens, ziehen uns um und kontrollieren nochmals Luftdruck und Bremsen. Die folgende Beanspruchung stellt nicht nur harte Bedingungen an die Biker, sondern auch ans Material. Innerhalb der nächsten 4 Stunden werden über 3800 Höhenmeter und 64 Kilometer Strecke vernichtet. Während es am Start mit 9 Grad und viel Wind noch recht kühl ist, erwarten uns im Tal tropische 35 Grad mit 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Strecke führt über Schotter, Felspassagen, unter Wasserfälle hindurch und durch knietiefe Flüsse. Als wir alle bereit sind, gehen wir nochmal die Strecke durch. Unsere Gruppe guided Rodrigo, bolivinischer Downhiller seit 1994. Tatsächlich schwört er auch auf sein Stahl-Hardtail aus dieser Zeit. In den letzten 5 Jahren sind auf der Straße acht Biker ums Leben gekommen, einer von ihnen war dabei in Rodrigos Gruppe. Da er nicht will, dass das nochmal vorkommt, erklärt er uns die wichtigste Regel: "LINKS ist die vordere Bremse, RECHTS die hintere ! Und seid ja vorsichtig mit der vorderen !!!!". Was für den erfahrenen Biker selbstverständlich erscheint, ist für Anfänger anscheinend wirklich kompliziert, wie sich später herausstellen sollte.

Endlich geht es los! Die Rucksäcke mit Wechselkleidung und Kameras können wir im Fahrzeug lassen. So stört kein zusätzliches Gewicht auf der Abfahrt. Wie ein Schwarm Hornissen summen die insgesamt 24 2,5er Maxxis-Reifen über die ersten Kilometer des asphaltierten Abschnitts. Hier ist die Straße noch angenehm breit und man kann bei der Abfahrt die Aussicht genießen. Nach 10 Kilometern erreichen wir dann die einzige Uphillpassage. Von knappen 4300 Metern geht es nochmal auf 4500 Meter hoch. Durch die dünne Luft hier oben wirklich kein Vergnügen, weshalb fast alle die 3 Kilometer schieben. Von da ab heisst es dann: Bis ins Tal gehts nur noch bergab! Nach ein paar Kilometern erreichen wir eine Polizeistation. Da keiner von uns ans Bremsen denkt, öffnet uns der Polizist schleunigst die Schranke und schmettert uns ein kräftiges “LOCOS” hinterher. Hier endet der Astphalt und wir bekommen einen ersten Geschmack der Streckenqualität. Da im Moment Regenzeit herrscht, durchziehen zahlreiche Rinnsale die Erdpiste. Überall stehen Steine und Wurzeln aus dem Boden heraus und vor jeder Kurve ist die Erde durch die vielen bremsenden Autos waschbrettartig gestaucht. Kurz: Ein herrlicher Downhill!! Nach kurzer Zeit erreicht man ein kleines Pueblo, eine Ortschaft mit vielleicht 50 Einwohnern. Von hier eröffnet sich der Blick auf den gefährlichsten Part der Ruta 3. In einiger Entfernung können wir die Todeskurven ausmachen. Lässt man den Blick weiter ins Tal gleiten, erkennt man die teils verrosteten, teils noch recht neuen Wracks die im Tal liegen und zur Vorsicht mahnen. Von hier aus kann man den nächsten 15 Kilometern Straßenverlauf folgen….und der Anblick macht einfach nur Lust auf mehr. Ab hier übernimmt das Begleitfahrzeug die Führung. Mit knappen 10 Minuten Vorsprung fährt es uns voraus und gibt per Funk an den Guide durch, ob der,jeweilige Abschnitt frei ist oder nicht. Wir folgen.

Mit guten 50 bis 60 km/h knallen wir die 3 Meter breite Schotterpiste runter. Zu weit an den Abhang traut sich keiner ran, da dieser durch Regen sehr aufgeweicht ist. Schnell wird deutlich, wer Erfahrung im Downhillsport hat und wer nicht. 3 Biker preschen voraus, der Rest bleibt weiter hinten. An manchen Stellen liefere ich mir ein Rennen mit Rodrigo, der wirklich verdammt flott unterwegs ist. Vor jeder Kurve muss ich jedoch scharf abbremsen, da sie sehr schlecht einsehbar sind und man nicht weiß, ob es nur eine leichte Biegung oder aber eine enge Haarnadelkurve ist. Nach guten 3 Kilometern puren Vergnügens stoppen wir in einer Kurve, kurz vor den Todeskurven. Es ist wirklich unglaublich. Hinter mir erstreckt sich die Wand des Gegenhanges und direkt vor mir geht es 1000 Meter den Abhang runter. Leitplanken oder sonstige Vorrichtungen sind hier fremd.

Und dann passiert es: Ein Australier hinter mir will ganz lässig sein Hinterrad querstellen und so kurz vor dem Abhang zum Stehen kommen. Leider verwechselt er die vordere mit der hinteren Bremse und zieht den Hebel seiner vorderen Hayes-Scheibenbremse ruckartig bis zum Lenker durch. Der gewohnte Bremsweg einer Hayes ist mit dem einer Betonmauer gleichzusetzen. So vollzieht unser Freund eine Rolle über den Lenker und schlittert mit dem Bike im Rücken in Richtung Abhang zu. Zum Glück rutscht er in einen australischen Landsmann, der sich fuer Fotozwecke 2 Meter vor dem Abgrund positioniert hat und mäht diesen noch mit um. Anschließend kommen beide aber direkt zum Stehen. Rodrigo stößt einen kurzen, aber kräftigen Fluch aus und rennt zu den beiden. Wir übrigen klappen unsere Münder wieder zu und sagen erstmal nichts. Für den Australier ist die Abfahrt hier beendet. Er steigt kreidebleich in das Begleitfahrzeug und lässt sich runter fahren - auch wenn ich meine Zweifel habe, dass das sicherer ist! Die anderen fahren von nun ab mit bedeutend mehr Respekt. An der Spitze sind nur noch Rodrigo und ich, wobei auch ich es nicht mehr wage, ihn zu überholen.

Doch schnell finden wir wieder in das alte Tempo und der Spaß kehrt zurück. Zwischendurch knarzt es durchs Rodrigos Funkgerät immer wieder "Cuidado, Carro", die Warnung für Gegenverkehr. Zum Glück ist die Passage hinter den Todeskurven recht gut überschaubar und wir sehen den Gegenverkehr frühzeitig. In einigen unübersichtlichen Kurven stehen hier jeweils Leute (Kinder), die mit einer großen grünen oder roten Papptafel anzeigen, ob Gegenverkehr kommt oder nicht. Falls die Papptafeln nicht einfach gegen einen Stein gelehnt wurden und dort keine Menschenseele ist. Nach insgesamt 40 Kilometern machen wir Stopp und sammeln die Gruppe wieder. Hier ist ein wunderschöner Aussichtspunkt und der Begleitwagen wartet schon mit Sandwiches, Bananen und kalter Cola. Der Australier, der flach auf der Rücksitzbank liegt, ist nach wie vor kreidebleich. An dieser Stelle steht auch ein Gedenkstein an die in 2005 verunglückte Bikerin aus Israel, die aus immer noch ungeklärten Gründen ungebremst 1000 Meter in die Tiefe gestürzt ist. Während wir Rast machen, kommen uns einige LKWs entgegen. Erst jetzt fällt uns auf, dass ein LKW wirklich so breit wie die Strasse ist. Wenn es hier Gegenverkehr gibt, muss ein Fahrzeug bis zur nächst größeren Kurve rückwärts fahren, wo es dann Nothaltebuchten gibt. Trotzdem ist der LKW auf der Hangseite bei einem Ausweichmanöver stets mit dem halben Reifen über dem Abgrund. Um so Angsteinflößender wird die Angelegenheit, wenn man sieht, dass auf den Ladeflächen der LKWs, neben der Ladung, bis zu 20 Personen mitfahren. Diese geben dem Fahrer dann so gut wie möglich Anweisungen.

Nach ausgiebiger Pause gehts dann weiter. Wir rauschen durch zwei Wasserfälle durch und sind anschließend komplett durchnässt. Da wir aber mittlerweile recht weit unten sind und die tropische Hitze auf uns brennt, ist die Erfrischung ein willkommenes Geschenk. Kurze Zeit später sind wir wieder trocken. Im Anschluss geht es über eine sehr sandige Piste weiter. Sicherheitsabstand ist angesagt, denn jeder wirbelt unglaublich viel Staub auf. Nun haben wir nur noch wenige Kilometer bis zum Ziel. Wir durchqueren zwei Flüsse, die nochmal für Abkühlung sorgen, und erreichen schließlich den Einstieg zum Singletrail, der die Tour abschließen soll. Hier sammeln wir uns nochmal, um anschließend den knapp einen Kilometer langen Trail zur Hacienda zu bestreiten, wo uns gekühlte Getränke, Bananen aus dem eigenen Garten und erfrischende Duschen erwarten. Das Tal bietet wirklich einen krassen Gegensatz zu der bolivianischen Hochebene. Vor fünf Stunden standen wir in der kargen Natur von La Paz, jetzt flattern uns Papageien um die Ohren und Mosquitos fallen ueber uns her. Glücklich und ausgepowert erreichen wir das Ziel und genießen erstmal einen Coca-Tee.

Doch an eines hat keiner mehr gedacht: Irgendwie müssen wir die Todesstraße auch wieder hochkommen - und zwar im bolivinischen Microbus.

Hier noch eine für Süd-Amerika typische Situation, die wir mit Downhill-Madness erlebt haben:
Rodrigo am Beginn der Death-Road: "Fuer den Fall, dass etwas ernstes passieren sollte, alle Guides haben eine spezielle Ausbildung in der Seilrettung absolviert!!"
Ein Biker: "Cool, wo ist denn das Seil?!"
Rodrigo: "eeeehhhmmmm, Ups...."

Fazit:
Die Todesstraße bietet dem erfahrenen Downhiller kaum technische Höhepunkte. Der Kick besteht vielmehr darin, die Kurven so elegant wie möglich zu meistern. Dennoch bleibt sie ein Erlebnis der besonderen Art für jeden Biker, egal ob Downhiller oder Tourenbiker, dass ich nur empfehlen kann.

Wer die "Death-Road" auch erleben will, der macht das am besten von La Paz aus. In La Paz gibt es zahlreiche Anbieter, die Downhilltouren anbieten. Doch Vorsicht, in Bolivien ist Geld mehr wert als ein Menschenleben und so ist der Service einiger Anbieter wirklich als miserabel zu bezeichnen. Da sich die "Death-Road" seit den Red-Bull Downhillrennen zu einem Touristenspektakel gestaltet, springen viele Billiganbieter auf den Zug auf. In den Büros bekommt man Fotos von guten Bikes zu sehen, die zur Verfügung stehen. Tatsächlich haben wir Gruppen überholt, die mit uralten Stahlbikes unterwegs waren - ohne Federgabel und mit Cantileverbremsen. Viele Firmen stellen auch keine Schutzausrüstung oder Verpflegung zur Verfügung und einige eröffnen einem im Tal, dass der Rücktransport nach La Paz nicht im Preis enthalten ist und lassen einen einfach stehen.

Von daher hier die drei besten Anbieter:

Gravity:
Exklusive GT Bikes mit XT Ausstattung, Rock Shox, Scheibenbremsen usw. Bikes der aktuellen Saison! Der Preis richtet sich je nach Bike. Hardtail 35,- U.S. Dollar bzw. DH-Fully 45,- U.S. Dollar. Der Service bei Gravity ist wirklich ausgezeichnet. Das komplette Bike wird nach Wunsch abgestimmt und man kann zwischen normalem oder vegetarischem Essen wählen. Die Guides sind allesamt erfahrene Biker und die Begleitfahrzeuge sind top. Der Preis ist der Gesamtpreis und beinhaltet Guides, Transport, Bikes, Schutzkleidung, "Death-Road Surviver T-Shirt", Verpflegung, Foto-CD, Essen im Tal, Duschen usw. Kurz: "All-inclusive"!
Fazit: Für mich die TOP-Adresse! Freundlich, rundum gute Qualität und gute Bikes zum einem spitzen Preis. Englisch-sprachig.
Kontakt: www.gravitybolivia.com

Downhill Madness:
Exklusive Rocky Mountain Bikes mit LX/XT Ausstattung, Marzocchi, Scheibenbremsen usw. Bikes der aktuellen Saison! Auch hier richtet sich der Preis nach dem gewunschten Bike. Hardtail (RM Flow) 55,- U.S. Dollar, DH Fully (RMX) 65,- U.S. Dollar. Der Service ist derselbe wie bei Gravity, mit dem Unterschied, dass man im Tal ein wirklich großes und leckeres Buffet vorgesetzt bekommt, von dem jeder Essen kann, was er will.Getränke, Kaffee und Desserts im Tal sind nicht inklusive und sehr teuer! Im Preis incl. sind ebenfalls alle bei Gravity genannten Serviceleistungen.
Fazit: Das bekannteste und größte Unternehmen in La Paz. Guter Service, gute Bikes und hervorragendes Essen. Recht teuer. Englisch-sprachig.

Gecko:
Ein recht junges Unternehmen mit dementsprechend neuen Guides, die jedoch alle viel Sachverstand haben und sehr freundlich sind. Exklusive Trek Bikes mit LX Ausstattung, Marzocchi, Scheibensbremsen usw. Die Preise sind vergleichbar mit denen von Gravitiy. Im Januar 2006 standen ausschließlich Hardtails zur Verfügung, bis zu Saisonbeginn im April sollen aber auch Fullys zu haben sein. Das Personal spricht leider nur Spanisch, bieten aber auch einen guten Service. Gecko will seine Serviceleistungen denen von Gravity und Madness in Zukunft anpassen. Bis dahin gibt es noch gute Rabatte!
Fazit: Freundlich und nett. Empfehlenswert für Leute, die gut spanisch sprechen und sich auch mit etwas weniger zufrieden geben.
Kontakt: Website im Aufbau. Gecko findet ihr im Innenhof direkt gegenüber von Downhill Madness.

Alle Anbieter befinden sich in der Straße "Calle Sagarnaga" im Zentrum von La Paz.
Alle o.g. Anbieter bieten neben der Death-Road auch andere Mountainbiketouren an. Die Spannweite reicht dabei von geführten XC-Touren bis hin zur individuellen Freeridetour - auch in Bolivien gibt es fette Dirts, Gaps und Kanten! Für extreme Touren würde ich aber empfehlen, zumindest den eigenen Helm und eigene Handschuhe mitzubringen. Die Tourenlänge ist variabel von Halbtagestouren bis zum vier Tage Adventure. Grob muss man mit 50,- U.S. Dollar pro Tag all inclusive rechnen. Bolivien bietet wirklich eine abwechslungsreiche Landschft mit fantastischen Trails in Kombination mit der wohl best erhaltenen Kultur Süd-Amerikas. Zudem bietet La Paz und Umgebung mit seinen zahlreichen Kolonialbauten, der Cordillera Real, vielen Museen, darunter auch das bekannte Coca Museum, dem Titicaca See und den Ausläufern des Amazonasbeckens reichlich Sehenwürdigkeiten, die einen Urlaub fernab vom Massentourismus rechtfertigen.

Markus
(17.02.2006)