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Lima zum Abendrot - Über Schamanen und Geister - Teil 1
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"Markus, ich würde Dir gerne etwas sehr peruanisches zeigen. Eine Tradition die seit über 5000 Jahren existiert, etwas womit Du sehr viel über dich selber erfahren wirst und was Dir lange in Erinnerung bleiben wird." Mit diesen einfachen Worten hat Ebert, einer der Philosophie Dozenten aus dem Institut in dem ich arbeite, bereits zu Beginn meines Praktikums mein volles Interesse geweckt.

Er klärte mich weiterhin auf: "es gibt eine traditionelles Ritual in Peru, dass dich in das innerste deiner Seele blicken lässt. Du wirst deine Vergangenheit, deine Gegenwart und deine Zukunft sehen. Du wirst mit Geistern in Kontakt treten und ihnen Fragen stellen können, auf die Du sonst keine Antworten bekommen würdest."

Ganz schön gruselig dachte ich mir....so eine krasse Erfahrungen habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gemacht. Und will ich das überhaupt machen? Möchte ich meine Zukunft sehen? Möchte ich mit Geistern in Kontakt treten? Warum erzählt er mir das alles? Ich meine, ich habe sonst an der niederländischen Grenze auch immer das Glück von dem BGS angehalten zu werden und auf Drogen überprüft zu werden....aber sehe ich wirklich so süchtig aus das mir ein Dozent Drogen andrehen will?! Und geht es hier überhaupt um Drogen oder um eine Gesprächstherapie? Eins ist sicher, ich vertraue Ebert. Er ist 50 Jahre alt, verheiratet, glücklicher Familienvater und ein sehr beliebter Dozent im Instituto. Also nicht der Typ Peruaner der mir irgendwelche Drogen vertickt um mich dann auszurauben. Auf jeden Fall möchte ich, dass Ebert mir mehr erzählt:

"Die Zeremonie heißt Ayahuasca, ein Wort aus der Inca Sprache Quechua was übersetzt soviel bedeutet wie 'Liane der Toten oder 'Ranke der Seelen'. Ayahuasca ist gleichzeitig die Zeremonie, als auch das Getränk was wir gemeinsam trinken werden und was der Schlüssel zu einer anderen Welt ist. Die ganze Zeremonie wird von einem Schamanen geleitet. Ich lade Dich ein in diese andere Welt." Klingt für mich ein bisschen wie Matrix, dachte ich mir. Ich sagte ihm, dass ich darüber nachdenken werde und ihm im laufe der Woche Bescheid geben werde. Zuhause machte ich mich erstmal über Ayahuasca schlau. Ganz praktisch betrachtet besteht Ayahuasca aus zwei verschiedenen Pflanzen: Aus der Lianenart Banisteriopsis caapi und den Blättern der Pflanze Psychotria viridis. Die eine Pflanze enthält das Halizinugen DMT (Dimethylttryptamin für alle Chemiker unter euch), die andere MAO-Hemmer, welche das Halizinugen erst wirksam machen. Alternativ könnte man auch an einer Aga-Kröte aus dem Amazonasbecken lecken, deren Hautdrüsen ebenfalls DMT absondern....aber da ziehe ich doch eher die vegetarische Alternative vor.

Am meisten reizt mich die Tatsache, dass ich diese Erfahrung zum einen hier in Peru legal, zum anderen in einer Gruppe und zudem unter Betreuung... nennen wir sie mal Sachkundiger... machen kann. Ich mache mir lange Gedanken darüber, entschließe mich aber es zu machen. Mit Ebert vereinbare ich ein Datum, er sagt dem Schamanen Bescheid, der dazu aus dem Amazonasbecken angereist kommt.

Am 27.10. ist es dann soweit. Ich sitze auf der Couch und bin nervös. Luis, der Besitzer des Hostals in dem ich wohne hat auch schon mal eine Ayahuasca Zeremonie mitgemacht. Ihm ist seine Mutter höchst persönlich begegnet....die 8 Jahre zuvor verstorben ist. Positiv findet er, dass er seit dem mit dem Rauchen aufgehört hat. Negativ, dass er nach der Zeremonie die ganze Nacht gekotzt hat. Ja, darüber hat mich Ebert auch aufgeklärt. Ayahuasca reinigt den Körper in alle Richtungen. Deshalb halte ich seit 2 Tagen auch eine strenge Diät: nur gekochtes Gemüse und Wasser....sonst darf ich nichts zu mir nehmen. Im Wohnzimmer treffe ich noch Steffen (Deutscher), Fernando (Argentinier) und Raymond (Canadier) und erzähle ihnen von meinem heutigen Vorhaben. Nachdem ich alle 3 über Sinn und Zweck als auch über die Nebenwirkungen aufgeklärt habe, beschließen sie ebenfalls teil zu nehmen. Innerlich bin ich froh, gemeinsam kotzt es sich leichter! Es ist 18:50 Uhr. Um 19 Uhr will Ebert mich abholen kommen. Jetzt sind wir alle vier nervös. Um Punkt 19 Uhr klingelt es, Ebert ist da. Er setzt sich zu uns, ich frage ihn ob die drei Jungs ebefalls teilnehmen können. Kein Problem!

Zu fünft verlassen wir um 19:15 Uhr das Hostal und steigen in ein Taxi ein. Ebert nennt dem Fahrer die Adresse: Das Zentrum von Lima. Lima, nur unweit des Äquators entfernt, hat stetige Tage. Um 6 Uhr morgens wird es hell, um 18 Uhr bricht die Nacht herein. Aber trotzdem wird der Himmel über Lima niemals dunkel. Aus der Seitenscheibe des Taxis betrachte ich die vorbeiziehenden Häuser und blicke in den matten, tief roten Himmel, welcher in Lima für die Nacht steht. Der Fahrer wählt die Via Expresa, die Schnellstraße ins Zentrum von Lima. 20 Minuten später sind wir am Ziel. Unter dem Himmel, der wie ein dunkles Samttuch wirkt, erstrahlt der Platz aus weißem Kalkgestein. Es ist viel los um diese Zeit, die Bars, Restaurants und Kneipen sind gut besucht. Taxis hupen sich rund um den Platz und wie im Entenmarsch folgen wir alle Ebert. Keiner Spricht; Steffen, Fernando und Raymond stecken sich eine Zigarette an.

Dann sind wir da. Ein unauffälliges Gebäude im Kolonialstil mit einem gewaltigen und reichlich verziertem Eisentor als Eingang. Anhand der Klingeln kann man ablesen, dass es sich nicht um ein Wohnhaus handelt, sondern um ein Geschäftsgebäude. Auf 4 Etagen finden sich Anwälte, Ärzte, Im- und Export Firmen. Ebert drückt eine namelose Klingel der vierten Etage. Mit einem leisen klacken springt das Eisentor auf und wir stehen im Gebäude. Das erste was mir auffällt sind die gewaltig hohen Decken. Im flackernden Licht der defekten Neonröhre, die den Treppenaufgang beleuchtet, fällt mir der schwarz/weiß geflieste Boden auf, den eine konstante Schmutzschicht wie ein feiner Teppich überzieht. Hier und da ist der Putz von den Wänden gebröckelt. Alle Schweigen, nur das spontane Surren der Neonröhre ist zu hören. Schon wieder kommt mir Matrix in den Sinn....

"Vamos" - mit diesem Kommando durchbricht Ebert unseren Tagtraum. Zusammen gehen wir die Sprialtreppe hinauf bin in den vierten Stock. Die Gerausche der Stadt verblassen mit jeder Etage die wir empor steigen. Hier und dort wird eine Bürotür in den schummrig beleuchteten Fluren einen Spalt breit geöffnet. Nur halb erkennbare Gesichtern mustern uns, um dann gleich wieder die Tür zu schließen. Was geschieht hinter den einzelnen Türen bloß? Noch eine Etage höher und dann sind wir am Ziel. Eine große Holztür, ohne Aufschrift. Ebert klopft an, die Tür öffnet sich langsam und ein sehr indigen aussehender Mann schaut mir direkt in die Augen....

....und da ich doch mehr schreibe als gedacht, mach ich lieber 2 Teile draus.
Den Rest tippe ich morgen, wenn es heißt:

"Lima zum Ende der Nacht"

Markus
(03.11.2009)

Fotos: Copyright (c) Markus Wegenke