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Lima zur Mittagsstunde - Echtzeit "Super Mario Game"
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Nachdem mich das Micro heute morgen nicht nur wach gemacht hat, sondern dank der überfüllten Straßen Limas auch 10 Minuten zu spät an der Panamericana raus gelassen hat, beginnt quasi auch schon ein typischer Arbeitstag. Und eigentlich war es auch ein typischer Transporttag für ein Micro. Pünktlich....zu spät....Fahrplan....alles Wörter für die es in Peru anscheinend keine adäquate Übersetzung zu geben scheint.

Und so gräme ich mich auch nicht wegen der 10 Minuten Verspätung und gehe die letzten 1000 Meter zum Instituto die Panamericana gen Norden hoch. Es ist lustig zu merken, wie sich in der recht kurzen Zeit die ich hier bin schon Rituale und Gewohnheiten bei mir eingeschlichen haben! So habe ich gelernt ständig auf den Weg vor mir zu achten. Der Weg wird ebenso von Gehwegplatten gesäumt wie von Hundescheiße....mal kalt, mal flüssig, mal in die Breite getreten und mal noch dampfend....mal von eben jenen Hunden aufgerissenen Mülltüten deren Inhalt sich quer über den Weg verteilt, und manchmal auch von Baustellen und knietiefen Löchern die in keiner Weise abgesperrt oder markiert sind.

Doch dann gibts da noch dieses zweite Problem....alles was in Kopfhöhe ist! Und da mein Kopf für peruanische Verhältnisse recht hoch sitzt, ist auch 1,90 Meter über den variantenreichen Hundeausscheidungen Vorsicht geboten! Als potentielle Gefahren lauern gekappte und herabhängende Kabel jeglicher Art, Garagentore die leider nur etwas höher sind als die Autos die dort durch fahren, Dächer, die auch schonmal bei mir auf Stirnhöhe hervor stehen....aber, die größte Gefahr von allen ist vor allem eins: der Peruaner! Nicht weil er morgens mal wieder das Deo vergessen hat nachdem er Abends die Dusche vergessen hat und eine gewisse Wolke hinter sich her zieht, sondern viel mehr weil er einfach ohne zu gucken aus dem Haus auf den Gehweg läuft.

Manchmal fühle ich mich wie in einem Echtzeit "Super Mario Game": ich gehe auf die Straße und weiche dem ersten Hundehaufen aus....100 POINTS....dann das herabhängende Kabel in Nasenhöhe, wegducken und....500 POINTS....dann kommt die doppelte Gefahr, heraufklappendes Garagentor und gleichzeitig Baustellenloch, Ausweichmanöver und....1000 POINTS!!!!....doch dann kommt unmittelbar hinter der Garage leider die peruanische Haushälterin mit Blick nach ?! gerichtet aus dem Haus, die ich spontan über den Haufen laufe, und....GAME OVER. Schade, morgen folgt der nächste Versuch.

Kurze Zeit später komme ich dann aber bei der Arbeit an und muss mir auch heute kein schlechtes Gewissen machen, dass ich 10 min. Verspätung habe. 8:00 Uhr ist eine Richtzeit für den Arbeitsbeginn, aber treu dem peruanischen Motto "para que correr?!" (wozu sich beeilen), trudelt die Mehrheit der Mitarbeiter irgendwann im laufe der nächsten 20 min. ein. Aber so kann ich den Morgen noch ganz in Ruhe nutzen um ein paar Sachen vorzubereiten, z.B. die Fragebögen zu kopieren die ich heute zur Evaluation in eine Schule mitnehmen muss.

Aufgabe 1 ist also für heute: Fragebögen kopieren lassen. Also mache ich mich auf den Weg von dem Pavillon in dem ich arbeite zum Administrationspavillon. Abgeschlossen....noch keiner da. Tja, blöd! Wie konnte ich auch erwarten das jemand pünktlich da ist.

Aufgabe 2: telefonisch die Schule nochmal daran erinnern, dass ich heute um 11 Uhr zur Evaluation komme. Ach ja, die Schule hat keinen Telefonanschluss....blöd! Gott sei dank habe ich mir aber bei meinem letzten Besuch die Handynummer der Direktorin geben lassen. Es klingelt 2x und die Direktorin empfängt mich mit einem freundlichen "HABLA!" (REDE!).

- Ich: "Ja, Markus Wegenke vom IPNM, ich wollte nur nochmal daran erinnern das ich heute wegen der Evaluation um 11 Uhr zu ihnen in die Schule komme. Wir hatten darüber bereits vor 2 Wochen gesprochen als ich bei ihnen war und ich hatte mich letzte Woche per Brief bei ihnen angekündigt."
- Schule: "Evaluation?!"
- Ich: "Ja, die des Plan Lector 2008. Sie erinnern sich, wir haben vor 2 Wochen bei ihnen im Büro alles besprochen."
- Schule: "Ach Sie! Ja, wir warten hier auf sie mit offenen Armen."
- Ich: "Danke, ich bin dann um 11 Uhr da."

Aufgabe 3: Teamtreffen um 9:00 Uhr.
Anwesende: Markus Wegenke
Abwesende: Team
Blöd, konnte ja keiner ahnen das ich pünktlich bin.

Aufgabe 4: zweiter Versuch Kopieren der Fragebögen.
In der Administration erkläre ich meinen Wunsch, 200 Kopien der Fragebögen für die Schule "Virgen de los dolores" ("Jungfrau der Schmerzen"....wer will da nicht gerne zur Schule gehen?!). Antwort der Administration: "das müssen sie zwei Tage vorher anmelden!" Während mein Blick über das restlos leere Regal mit der Abschrift "Aufträge" glitt, fragte ich ob nicht doch irgendeine Möglichkeit bestehe, es sei dringend! Ausnahmsweise, aber nur ausnahmsweise versicherte mir eine der 3 Angestellten, sei das heute möglich.
Danke!

Aufgabe 5: Teamtreffen um 9:00 Uhr.
9:20 Uhr: Beginn des Teamtreffens von 9:00 Uhr.
9:30 Uhr: TOP 1 "Geburtstag einer Kollegin".
9:35 Uhr: wir gehen alle zusammen zur Geburtstagsfeier in das Büro der Kollegin.
9:45 Uhr: alle stoßen mit dem ersten Gläschen Rotwein auf den 43. Geburtstag von Maria an (aber bloß nicht mehr, es ist ja schließlich Arbeitszeit).
9:50 Uhr: Jeder Mann muss mit jeder Frau einmal tanzen (habe ich erwähnt das Salsa Musik läuft?!).
10:00 Uhr: Alle haben sich darüber amüsiert, dass Markus mit keiner der anwesenden Frauen Salsa tanzen kann (wie an den letzten Geburtstagen ebenfalls festgestellt. Aber mir wurde versichert, dass ich Fortschritte mache).
10:01 Uhr: Ende des Team Treffens.

Aufgabe 6: Evaluation des Plan Lector 2008 in der Schule der "Jungfrau der Schmerzen" (klingt ein bisschen wie das finale Level von Super Mario, oder?!). Also, 1 Stunde Gurkerei mit dem Micro bis zur Schule. Dort angekommen klopfe ich an das Stahltor und der kleine Sehschlitz des Hausmeisters öffnet sich. Wir kennen uns bereits, er lässt mich lächelnd rein und begleitet mich zum Büro der Direktorin. Die Direktorin, die sich jetzt ebenfalls wieder an mein Gesicht erinnert begrüßt mich freundlich und fragt "was kann ich für sie tun?!".

- Markus: "Wir haben heute das Datum für die Evaluation festgesetzt."
- Direktorin: "Evaluation?!"
- Markus: "Ja, der Plan Lector von 2008. Sie haben mir versichert für heute 30 Lehrkräfte, 30 Schüler und 10 Eltern zur Verfügung zu stellen. Deshalb habe ich ja heute früh nochmal angerufen."
- Direktorin: "Ja, kein Problem. Setzen sie sich, ich organisiere das eben. Wie viele Lehrer sagten sie gleich brauchen sie?!".
- Markus, in Gedanken: "1 persönlicher Besuch, 1 offizieller Brief mit Ankündigung, 1 Anruf zur Erinnerung....für was?!".

30 min. später sind immerhin 16 Lehrer parat in einem Raum und ich kann mit denen die Evaluation durchführen. Weitere 30 min. später habe ich zwar keinen Raum für die Befragung der Schüler, aber die Erlaubnis in jede der 6 Klassen zu gehen, mir 3 Schüler raus zu suchen um mit denen die Befragung durchzuführen....während die anderen weiterhin am Unterricht teilnehmen sollen. Im Anschluss besuche ich den Kiosk, in dem 4 Eltern von Schülern arbeiten die ich befragen kann.

12:45 Uhr: Evaluation in der Schule beendet.

Jetzt gehts nochmal kurz zurück ins Instituto um die Fragebögen an meine Chefin zu übergeben und dann ist Feierabend. Im Instituto erzähle ich Elisa, meiner Chefin, von meinen heutigen Erlebnissen. Elisa, die selber mal für 1 Jahr in Deutschland war und nur zu gut die Kulturunterschiede insbesondere in Sachen Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit kennt, lächelt nur und fragt mich ob ich denn mit meiner Arbeit zufrieden sei?! Das bin ich, aber es ist einfach so demotivierend wenn man versucht pünktlich zu sein und feststellt, dass kaum jemand Wert darauf legt. Wenn man versucht alles zu organisieren und im Endeffekt doch alles spontan und hektisch erledigt werden muss. Wenn man sich zum Schluss als einziger aufregt und alle anderen Entspannt sind. Wenn man versucht Deutscher unter Peruanern zu sein.

Elisa versteht mich nur zu gut. Ihre Meinung nach 1 Jahr Deutschland: es ist einfacher sich als Deutscher über die peruanischen Mentalitäten aufzuregen, aber trotzdem seine Arbeit zu machen, als sich mit den peruanischen Eigenschaften in Deutschland zurecht zu finden. Wo sie recht hat.... Zum Abschluss gibt sie mir noch ein sehr nettes Lob: jeder im Institut sei sehr zufrieden mit meiner Arbeit, auch wenn es für mich nicht immer einfach sei sich den Gewohnheiten anzupassen. Und....fügte sie grinsend hinzu....für mich, und zwar nur für mich, sei ab heute offizieller Beginn des Teamtreffens 9:30 Uhr. Damit ich mich in Zukunft nicht mehr über die Unpünktlich der anderen ärgern muss. Danke Elisa :)

Damit geht ein typischer Arbeitstag dem Ende zu. Auf dem Weg zum Ausgang treffe ich noch Ebert, einen der Philosophie Dozenten aus dem Institut. Er erinnert mich daran, dass er mich morgen Abend um Punkt 19 Uhr in meinem Hostal abholen kommt, da er mir etwas "sehr sehr peruanisches zeigen will", vorher lässt er mich nicht nach Deutschland zurück, zwinkert er mir zu. Über dieses "sehr sehr peruanische", was seit 5000 Jahren Tradition hat, hat er mich vorher bereits aufgeklärt und ich musste lange überlegen ob ich in diese Sache einwillige oder nicht. Schließlich hat die Neugier doch über meine Angst gesiegt und ich habe zugestimmt.

Wie es mir in dieser sehr außergewöhnlichen Nacht ergangen ist, erfahrt ihr in

"Lima zum Abendrot"

dem dritten und letzten Teil.

Bis dahin, viele Grüße

Markus
(03.11.2009)

Fotos: Copyright (c) Markus Wegenke