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Lima zum Morgengrauen - Micro - Die "Alternative" zum Bike
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Heute ist ein schöner Tag, denn ich habe einen Sitzplatz im Micro ergattert und muss ihn mir nur mit einer Peruanerin teilen! Zu dem einen Sitzplatz gehört auch nur ein Gurt, aber der wurde verlängert und reicht jetzt für zwei Leute aus....

Willkommen zu einem ganz normalen morgen in Lima!

Es ist 6:45 Uhr, der Wecker klingelt, ein stink normaler Tag beginnt in Lima. Aber stink normal auf peruanisch ist nicht gleich stink normal deutsch!

Mein erster Gedanke gilt wie jedem morgen nur einem: Frühstücken! Also steige ich meine steile Hühnerleiter hinab, muß mich jedoch erst vergewissern, daß niemand auf dem Klo unter mir sitzt, denn die Leiter endet direkt im Badezimmer....oder Badeplatz, denn Dusche und Klo sind hier quasi unter freiem Himmel. Ergo: Badezimmer besetzt = Markus Zwangsaufenthalt auf seinem Dach. Da ich aber für gewöhnlich der einzige bin, der so früh am Tag hochmotiviert und mit Augenrändern bis zum Kinn im Hostal rum turnt, ist auch heute das Bad frei und ich kann ungehindert zum Frühstücken schreiten.

Nach dem Frühstück und einem "coffee flavoured hot water"....was man hier als Kaffee angedreht bekommt, geht es dann raus zur Arbeit. Bisher dachte ich ja immer große Städte sind nichts für mich, aber da hab ich mich wirklich getäuscht! Ich liebe Lima, diese riesen Stadt, 3,5 mal so groß wie Berlin und mit 8 Millionen Einwohnern. Es ist eben eine typisch Süd-Amerikanische Stadt, und solche wachsen nun mal nicht in die Höhe sondern in die Breite. Ein Glück, daß ich am einen Ende dieser Stadt wohne und die Schulen zu denen ich heute fahren muß, um einen Workshop über soziale Konflikte und Lösungsansätze vor Lehrern zu halten, am anderen Ende der Stadt ist. In der morgendlichen Rush-Hour ist man da schon mal 2,5-3,5 Stunden unterwegs....wohlgemerkt ohne auch nur die Stadtgrenzen zu verlassen.

Diese Fahrt von Miraflores, wo ich wohne, bis in die barrios altos, wo ich heute hin muß, sind aber nicht nur eine Fahrt innerhalb von Lima, es ist ein totaler Paradigmenwechsel. Miraflores, bekannt und beliebt bei den Touristen weil es direkt am Meer liegt, viele Parks hat und gute Einkaufsmöglichkeiten bietet - und auf der anderen Seite die barrios altos, jene trostlosen Siedlungen die in die staubigen, steinigen Hänge der ersten Hügelketten gewürfelt wurden und wo Mülleimer, asphaltierte Straßen, Häuser aus Stein oder gar Parkanlagen Fremdwörter sind. Dabei bleibt mir stets im Hinterkopf, daß 54 Prozent, also über die Hälfte der Einwohner Limas unterhalb der Armutsgrenze leben. 22 Prozent von ihnen leben in extremer Armut, also von weniger als 1 US Dollar pro Tag. Und ich Depp nehm meine Spiegelreflexkamera heute mit!

Naja, was der Möchtegernkaffee nicht geschafft hat erledigt die Fahrt in den "Micros", spätestens danach bin ich immer hellwach. Micros prägen das tägliche Stadtbild von Lima ebenso wie die Menschen auf den Straßen. Was ein Micro ist?! Elementarer Bestandteil und absolutes Negativbeispiel für das was passiert, wenn eine Stadt den öffentlichen Nahverkehr komplett privatisiert. Micros sind Kleinbusse mit 20 Sitzplätzen....theoretisch! Auf den 20 Sitzplätzen, mit einem Sitzbankabstand halb so lang wie meine Oberschenkel, quetschen sich locker 30 kleine Peruaner. Und dann gibts dann ja noch den Gang, da passen bestimmt nochmal 15 rein! Und neben dem Fahrer ist ja auch noch Platz, mindestens für 3 Leute. Macht also an einem ganz normalen Tag 40-45 Menschen in einem Bus, der für die Hälfte ausgelegt ist.

Und mein Sitzplatz ist direkt neben dem Fahrer. Wie ich so in Gedanken versunken durch das durchrostete Bodenblech auf die Antriebswelle und die Straße unter mir schaue, tippt mich der Fahrer an und weist mich darauf hin, daß ich bitte den Gurt anlegen soll. Der Gurt, mit 3 Blindnieten am Innenblech der Karosse festgemacht und ohne Gurtspanner, ist natürlich groß genug das er um die Peruanerin neben mir und mich paßt. Aber....ach wie blöd, der Einstecker wo das andere Gurtende rein kommt ist leider nicht mehr vorhanden! Macht ja nix, für was hab ich denn in der Fachhochschule bei Susanne mal verschiedene Knoten gelernt!

So gehts also mit einem festgeknoteten Gurt auf die Reise quer durch Lima. Und öffentlicher Nahverkehr in Lima bedeutet Stress! Dadurch, daß jeder der in der Lage ist einen Kreditantrag für ein gebrauchtes, verrostetes Micro importiert aus China zu unterschreiben, seine eigene Buslinie aufmachen kann, wimmelt die Stadt nur so von Micros. Und das wichtigste, das absolute A & O ist natürlich....die Hupe! Jedes Micro hat eine feste Route welche es immer auf und ab fährt. Und zu jeder Route gehören gefühlte 1000 Micros die sich in einer endlosen Überholungsjagd um die an jedem Block....also alle 200 Meter, denn der Peruaner an sich ist ja verdammt lauffaul....wartenden Menschen kämpfen!

Und das sieht dann ungefähr so aus: zu jedem Micro gehören stets 2 Mitarbeiter. Der Conductor (Fahrer) und der Cobrador (Geldeintreiber). Der Fahrer hat nur ein Ziel: möglichst schnell von A nach B zu kommen und dabei möglichst viele Menschen einsammeln. Der Cobrador hat die wirklich üble Aufgabe stets in der geöffneten Tür zu stehen und den wartenden, potentiellen Gästen aus dem mit Vollgas fahrenden Micro die Route entgegenzubrüllen die das Micro fährt. Dabei wird nicht das Endziel genannt, sondern markante Punkte auf dem Weg, an denen man sich lang hangeln kann und so die Route nachvollziehen kann. Vom Straßenrand aus signalisiert man einem Micro das man einsteigen möchte, in dem einfach den Arm hebt und es anwinkt....da wo man eben gerade steht ist quasi die Haltestelle. Das Micro bremst dann von Mach5 auf Null, während der Cobrador einem schon während der Einflugphase zu brüllt "sube sube sube" (rein rein rein). Kaum hat man einen Fuß auf die Trittstufe gesetzt, fährt der Fahrer mit Vollgas an und los geht die Reise.

Die großen, 4 - 5 spurigen Kreisverkehre, können meist per Tunnel unterfahren werden. Jedoch dürfen das keine Micros machen, sondern nur private Autos, da sonst die ganzen Tunnel verstopft wären. Wird ein Micro von der Polizei erwischt, muß es mit einer hohen Bußgeldstrafe (Schmiergeld) rechnen und darf weiter fahren. Aber....auch dafür hat der Peruaner eine Lösung parat!! Zur Standardausstattung eines jeden Micros gehört daher, neben der Heiligenfigur, haufenweise Aufkleber mit der Aufschrift "Lies die Bibel", Gardinen links und rechts von der Windschutzscheibe sowie den obligatorischen Playboy und anderen Macho Aufklebern ein Schild mit der Aufschrift "Fuera de servicio" (außer Betrieb). Kurz vor der Einfahrt in den Tunnel legt der Fahrer besagtes Schild in die Windschutzscheibe und düst....voll beladen mit 40 Fahrgästen....durch den Tunnel.

An Ampelkreuzungen kommt dann die Geheimwaffe eines jeden Micros zur Geltung....das 3 stufige, kompressorgesteuerte Signalhorn! Freundliche kleine Schilder mit den Aufschriften "Respektiere die Ampel" und "Respektiere den Fußgänger" erinnern Fußgänger daran, daß sie rein theoretisch auch Rechte im Straßenverkehr haben. In Wirklichkeit wird laut hupend (natürlich von allen Seiten der Kreuzung) bis fast in die Mitte der Kreuzung rein gefahren und dann gilt "wer am wildesten gestikuliert, die lauteste Hupe hat und sich am meisten Respekt verschafft, kommt als erster über die Kreuzung"!

Will man aussteigen, muß man das 1 Block vorher ankündigen, in dem man einfach BAJA (RAUS) quer durch das Micro ruft. Der Cobrador, der für gewöhnlich jedes Wort das er in den Mund nimmt 3x nacheinander sagt, gibt dann als Bestätigung zurück: baja baja baja. Dann geht das Spiel wieder von vorne los. Vollbremsung, während dessen der Cobrador einem mit einer endlosen bajabajabajabajabaja Wortkette daran erinnert das Zeit Geld ist und man bloß flott aussteigen soll, raus aus dem Micro und schon düst es mit Vollgas weiter. Und so geht es die ganze Fahrt über, die ganzen 54 Blocks entlang bis zur Panamericana wo ich in ein anderes Micro wechseln muss.

Trotz der Fahrt mit Vollgas, hat das Micro heute verdammt lange zur Panamericana gebracht und ich bin 10 min. zu spät dran. Aber Gott sei Dank bin ich ja in Peru: 8 Uhr ist meine Richtzeit für den Arbeitsbeginn....vor 8:30 Uhr fängt eh niemand ernsthaft an zu arbeiten.

Ob danach dann so viel ernsthafter gearbeitet wird erfahrt ihr in der nächsten Mail, wenn es heißt:

"Lima zur Mittagsstunde"

Viele Grüße aus Lima

Markus
(03.11.2009)

Fotos: Copyright (c) Markus Wegenke