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Lima zum Abendrot - Über Schamanen und Geister - Teil 2
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....er blickte mir direkt in die Augen. Ich hingegen blickte erstmal in den fast leeren Raum, denn der Mann aus dem Amazonasbecken hat seinen Kopf dort, wo ich meine Brust habe. Sein Gesicht verwandelte sich direkt in ein breites Grinsen und er bat uns alle höflich in das Büro. Jetzt standen wir zu sechst in dem Raum, wo uns noch in der gleichen Nacht Geister, Dämonen und anderes begegnen soll. Ich hatte ehrlich gesagt etwas anderes erwartet, so eine Art Kiffer Lounge mit einer Couch, Tüchern mit indischen Gottheiten, kleine Aschehaufen auf dem Boden die von unzähligen abgebrannten Räucherstäbchen stammen....man hat ja doch so seine Klischees im Kopf.

Tatsächlich war der Raum fast geschnitten wie ein Würfel: 4 x 4 Meter Grundfläche und eine 3 Meter hohe Decke. Von den Wänden bröckelte ebenfalls der Putz, der Boden bestand aus uralten, gewellten und knarzenden Holzbohlen. Bis auf einen kleinen Schreibtisch in einer Ecke und 4 Gartenstühlen aus Plastik war der Raum komplett leer. In der Ecke gegenüber dem Schreibtisch befand sich ein Durchgang zu einem Nebenzimmer. Da ich schon seit dem ich in das Taxi eingestiegen bin auf Toilette musste, erkundigte ich mich nach dem WC. Es war direkt neben dem Nachbarzimmer. Ich ging also durch den Durchgang und stand im Nebenzimmer. Die Hälfte des Zimmers war mit einem Tuch abgehangen, was die andere Hälfte des Zimmers zu einem Flur werden ließ der zum Klo führte.

Auf der anderen Seite des Tuches lief asiatische Musik, jene hohen Frauenstimmen von denen man denkt, dass sie unmöglich noch höher singen können und es in der nächsten Strophe direkt unter Beweis stellen. Zudem war der Raum von Räucherstäbchen zugenebelt. Eine Ecke des Tuches wurde vorgezogen und ein kleiner Junge, vielleicht 5 Jahre alt, mit asiatischem Gesicht grinste mich breit an und sagte "Hola", lachte und ließ das Tuch gleich wieder los. Ich ging auf die Toilette, in der braune Wasserspuren überall runter liefen, und stellte im Anschluss fest, dass diese Wasserspuren schon sehr alt sein müssen! Denn Wasser gab es nicht, weder in der Spülung noch im Waschbecken. Kurz kam mir in den Sinn wie das Klo aussehen mag, nachdem sechs Erwachsene Männer da rein gekotzt haben und keiner abspülen konnte. Ich verdrängte den Gedanken und ging zurück zu den anderen.

Gleich darauf nahmen wir alle Platz, 2 wählten die Plastikstühle, 4 wählten den Boden. Der Schamane bot ein lustiges Bild. Seiner fast schwarzen, ledrigen Haut war deutlich anzusehen das er aus dem Amazonas kommt. Dennoch trägt er Anzug und Krawatte, und in seinen kurzen Haaren machen sich die ersten grauen Stellen breit. Er saß auf einem der Plastikstühle und war so klein, dass seine Füße munter in der Luft baumelten. Der Schamane war sichtlich erfreut so viele Ayahuasca Neulinge um sich zu haben, fragte nach unseren Namen und Nationen und erklärte sogleich:

"Ayahuasca ist keine Droge, sondern eine Medizin. Sie dient zur Reinigung des Körpers und der Seele. Ich selber arbeite seit 35 Jahren mit Ayahuasca, habe traditionelle Medizin und klinische Psychologie studiert. Eins habe ich dabei gelernt: es ist einfach Menschen bei ihren Problemen zuzuhören und ihnen ein paar Tipps und Ratschläge nach Freud und anderen Psychologen für 70,- Dollar die Stunde zu verkaufen. Aber es hilft nicht. Der einzige Psychologe der uns helfen kann, sitzt in uns selber. Ayahuasca eröffnet uns den Zugang zu dieser Welt, hier können wir Antworten auf Fragen und Probleme finden, die tief in unserem Unterbewussten sitzen. Ayahuasca alleine eröffnet uns zwar diese Welt, aber nur durch die Geister der Zeremonie können wir uns in dieser Welt auch zurecht finden. Die Geister zu rufen, wird meine Aufgabe sein. Wo gute Energien sind, befinden sich jedoch auch böse Energien. Ebert hat daher die Aufgabe, diese bösen Energien vom Raum fern zu halten".

Jetzt hatte ich langsam wirklich schiss. Steffen, der jetzt Schulter an Schulter neben mir saß, fühlte sich anscheinend nicht anders. Fernando, der für gewöhnlich ein sehr direkter Mensch ist, fragte den Schamanen: "Mal angenommen ich glaube an keine Energien und bin heute nur gekommen um mich billig unter Drogen zu setzen, wäre das Respektlos gegenüber ihnen?" Der Schamane erwiderte: "auf keinen Fall. Es hat einen Grund warum Du hier bist, Zufälle existieren nicht (Gott, wie ich diesen Spruch hasse). Die Pflanzen werden in dir arbeiten, ob Du willst oder nicht".

Dann ging es los. Der Schamane, er heißt übrigens Antonio, stellte eine gebrauchte 0,5 Liter Flasche mit einer undurchsichtigen, bräunlichen Flüssigkeit auf den Tisch. Dazu ein handelsübliches Schnapsglas. Er ging zu jedem einzelnen rum, murmelte ein paar Worte auf Quechua, und gab jedem von uns ein Pinnchen davon. Ich roch zuerst an der Flüssigkeit....sie roch neutral, kein Alarmzeichen von meinem Geruchssinn. Dafür schmeckte sie wie vergorener Fruchtsaft und elendig bitter, es prickelte auch leicht auf meiner Zunge. Jetzt hieß es 30 - 40 Minuten warten bis das Ayahuasca wirkt. Die 6 Männer im Raum boten einen lustigen Anblick: wir saßen alle verteilt entlang der Mauern, Steffen, Fernando und Raymond rauchten sich noch eine Zigarette. Antonio fing an irgendein Lied zu pfeifen und die Runde erinnerte mich sehr an einen Bahnsteig, an dem alle auf den Zug warten und irgendwie die Zeit tot schlagen.

Antonio machte das Licht aus, damit wir uns besser entspannen können. Jetzt war nur noch der entfernte Lärm der Stadt zu hören, das Hupen der Autos, das konstante Rauschen, hin und wieder Rufe von Menschen. Nach 10 Minuten fühlte ich mich wie nach 5 Bier. Die anderen fühlten noch nichts. Ihr nehmt doch alle regelmäßig Drogen, dachte ich mir. Wie kann man davon noch nix merken?! Weitere 10 Minuten später setzte die Wirkung dann überraschend schnell bei mir ein. Zuerst wurde mir recht schwindelig, ich legte mich flach auf den Boden und Antonio fragte: "Markus, estas dentro?! " (Markus, bist Du drin?!). Ich bestätigte ihm, dass es langsam los ging bei mir. Ebenso bei Ebert, der jetzt heftiger und immer heftiger zu atmen begann. Das war das letzte was ich aus dem Raum weiß, danach war ich woanders:

in Köln, bei Kristin.

In Deutschland war es ca. 3 Uhr Nachts zu dem Zeitpunkt. Ich stand in ihrem Zimmer, spürte ein paar ihrer Anziehsachen unter meinen Füßen, roch den typischen Geruch in ihrem Zimmer und beobachtete wie sie schlief, das Gesicht von mir abgewendet. Ich rief ihren Namen, doch meinem Mund entkam nur ein leises flüstern. Ich rief immer und immer wieder, bis Kristin mit einem mal hoch schreckte, sich im Raum umschaute, mich ganz kurz mit ihrem Blick fixierte, sich dann aber sofort wieder hin legte, die Decke noch ein Stück höher zog und wieder einschlief. All das, hat 30 Minuten gedauert.

Dann befand ich mich wieder im Raum und hörte Musik in einer Sprache die ich nicht verstand. Ich drehte meinen Kopf und stellte fest, dass meine Pupillen es erst sehr sehr viel später meinem Kopf nach taten. So kam mein Blick etwas zeitversetzt dort an, wo mein Kopf schon hin starrte. Antonio trug mitlerweile nur noch sein Unterhemd und seine Anzughose, saß auf seinem Stuhl und warf seinen Oberkörper in rhytmischen Bewegungen heftig vor und zurück. Dabei sang er, aber es klang nicht wie die Stimme nur eines Menschen, es klang als würde ein ganzes Orchester in einer Kathedrale singen. Zu seinen Worten kamen Klick- und Summgeräusche, dazu rhytmisches Stampfen mit den Füßen auf den Holzboden. Jetzt setzten meine ersten Haluzinationen ein. Es begann mit einem kleinen roten Licht auf dem Schreibtisch, das stetig größer wurde. Ich registrierte noch, dass sich alle anderen auch einen Trip schoben. Sie starrten einen fixen Punkt irgendwo im Raum an und waren komplett abwesend. Dann, nach 1 Stunde, verstummte der Gesang und wir kamen alle wieder langsam runter.

Antonio kam rum und reichte jedem einen zweiten Becher. Und die Reise ging von vorne los. In den kommenden 1,5 Stunden sah ich einen kleinen Jungen durch den Raum laufen, der sich immer hinter jemandem versteckte. Ich habe ihn ganz klar gesehen, aber sein Gesicht blieb stets im Schatten versteckt. Danach formten sich unzählige Dreiecke an den Wänden, grüne, rote, blaue. Jetzt setzte die Selbstreflexionsphase ein.

Ich saß alleine in einer Sushibar, an einer langen Theke, und vor mir liefen an einem endlosen Band kleine Teller vorbei. Aber auf den Tellern waren nicht etwa leckere kleine Häppchen mit rohem Fisch angerichtet, sondern es lagen meine Sorgen und Probleme drauf. Auf einem Teller lag die Bachelorthesis, auf dem nächsten Selbstverwirklichung, auf dem dritten das Alter, etc. In aller Ruhe konnte ich jedes beliebige Problem vom Band nehmen, es von allen Seiten und in all seinen Einzelheiten betrachten, mir Gedanken dazu machen, und wenn ich zufrieden war legte ich es zurück und nahm mir das Nächste.

Und auf diese Art und Weise fand ich tatsächlich Lösungen zu drei Sachen die mich seit längerem beschäftigen (und von denen jetzt natürlich jeder wissen will worum es sich dabei handelt...nein, das bleibt vorerst mein Geheimnis).

Gegen 23:30 Uhr kam ich zurück in den Raum, sah alle immer noch auf ihren Plätzen sizten, ich selber war nach wie vor unfähig mich zu bewegen. Ich hatte das Gefühl, als wären aus meinem Rücken feine Wurzeln gewachsen die sich in dem Holzboden unter mir verankert haben. Steffen schien sich einen ganz anderen Film zu fahren. Er blickte mich mit seinen Monster-Pupillen an und sagte ganz aufgeregt: "Markus, Markus erklär mir nochmal schnell die spanische Vergangenheitsform!!! Ich glaube jetzt habe ich sie verstanden!!!! " Haaaaeeeee???!!! Lass uns morgen über Spanisch sprechen, sagte ich ihm. Raymond schien das Problem der Bewegungsunfähigkeit nicht zu haben. Er stand auf, in aller Ruhe, und ging auf das Klo. Von dort hörten wir Geräusche die sich erst wie entsetzliches Schreien anhörten, dann mehr und mehr doch wie Kotzerei. Antonio stoppte langsam seinen Gesang und murmelte "muy bien, muy bien". Jetzt ging das Gekicher los. Ebert fing an, dann kam es zu mir und Steffen rüber und über Antonio zu den anderen beiden. Wir saßen einfach da und lachten uns den Arsch weg. Raymond kam wieder zurück, setzte sich und machte sich eine Zigarette an.

Die Zeremonie neigte sich nach gut 4,5 Stunden dem Ende zu, alle wurden Minute um Minute wieder klarer im Kopf. Antonio fragte jeden einzelnen von uns wie es ihm ergangen sei und begann bei Fernando: Fernando hat einen gewaltigen Condor durch den Raum schweben sehen, nur ganz kurz, aber klar und deutlich. Alles was wir gesehen haben seien Symbole, erklärte Antonio. Der Condor steht für den Wunsch nach Veränderung. Ob Fernando sich denn in irgendeiner Art und Weise verändern will? Die Erklärung kam prompt, der Condor passte zu seiner Situation. Das hatte nichts mit dem Universalgewäsch von Horoskopen zu tun.

So ging die Reihe einmal rum, bis er bei mir ankam. Zu meiner Reise nach Köln sagte er nur, dass diese für sich stehe. Anscheinend habe ich einiges in Köln zu klären. Aha, schönen dank Dr. Sommer, dachte ich mir. "Die Dreiecke stehen für Entscheidungen. Du bist der eine Punkt des Dreiecks, die anderen beiden Punkte sind die Ziele für die Du dich entscheiden musst. Und jeder Punkt ist mit dem anderen Verbunden, sie stehen in Relation zu einander". Scheiße, da waren so viele Dreiecke an der Wand...für was vor Entscheidungen stehen ich denn bitte? Sind das so Entscheidungen wie "Döner oder Fritten", oder tiefgründigere Sachen? Man wird sehen....

Am interessantesten wurde es bei Raymond. Antonio sagte: "Du hast deine Seele von sehr tief innen gereinigt, stimmts? " Raymond sagte, das bei seiner Kotzerei weder festes noch flüssiges hoch kam, sondern einfach nur Gas....Luft - aber in einer unglaublichen Lautstärke. Antonio erklärte: "das war keine Luft. Das waren Worte, Sätze und Ärger den Du schon sehr lange in dir trägst und den Du nie raus gelassen hast. Jetzt kamen sie alle raus, es wurde Zeit". Raymond schwieg.

Ebert knipste das Licht wieder an und ein steohnen ging durch den Raum. Das gleissend helle Licht blendete uns alle. Wir blieben so noch 30 Minuten auf dem Boden sitzen, bis wir alle wieder mehr oder weniger Herr über unsere Motorik waren. Dann verabschiedeten wir uns von Antonio, gingen durch die Tür und betraten die Spiraltreppe nach unten. Ebert war der Erste am Ausgang. Er lächelte mich an und sagte: "kehren wir wieder ins System zurück". Ich war also nicht der Einzige, dem die Matrix im Kopf rum spuckte. Somit standen wir alle wieder, nach wie vor mit den Augen zu Schlitzen zusammen gekniffen , im Zentrum von Lima. Die Taxis hupten sich immer noch in endlosen Runden um den Platz, die Bars und Kneipen waren leerer geworden und Ebert verhandelte bereits mit dem ersten Taxifahrer um den Preis für die Rückfahrt.

Ja, das System hatte uns wieder....

Soviel zu 3 sehr prägenden Eindrücken meines Aufenthaltes in Peru. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und freue mich euch alle nächste Woche daheim wieder zu sehen!!

Viele Grüße aus Máncora

Markus
(04.11.2009)

Fotos: Copyright (c) Markus Wegenke