www.fraktur-magazin.de - FRAKTUR - Das Magazin - Spots, Trails und Rock'n'Roll

Tage wie dieser
www.fraktur-magazin.de

Mittwoch, 06.03.2002, 11.00 Uhr
Ich wache auf und mein erster Gedanke gilt nur einem: Mein Frühstück!! Der Tag beginnt stressfrei, ich muss erst um 15.00 Uhr Arbeiten und schon fällt der Entschluss noch eine Runde Biken zu gehen bevor der Ernst des Lebens wieder beginnt. Also, Frühstück um 12.00 Uhr beendet, mein Hardtail in das Auto rein und los zum Inrather....hab ich auch alles dabei ?! Helm....ja, ist auch eigentlich das Wichtigste bei den Accessoires, Protektoren und Brille lass ich zu Hause, passiert schon nichts, das Wetter ist ja auch ganz ok. Auf dem Weg zum Berg fängt es leicht an zu nieseln, gut, sorgt halt für besserern Grip, solange es warm bleibt solls mir egal sein. Am Berg angekommen kann ich es kaum erwarten endlich zu fahren, kein anderer da, sind wohl alle @ work, dachte ich mir. Ich beschliesse die Strecke lieber hochzuschieben um zu sehen falls sich was verändert hat, ich hab nämlich keinen Bock deswegen einen Abflug zu riskieren, also, hochschieben. Die Strecke ist geil wie eh und je, ich fahre hier seit 6 Jahren Downhill und von Jahr zu Jahr wird's besser.

ENDLICH, Helm auf, richtigen Gang wählen und loooooooooooooooooooooos. Darauf habe ich mich den ganzen Morgen, neben dem hervorragendem Frühstück, gefreut. Antreten....Sprung....Anlieger rechts, links, Srung, Anlieger rechts....Drop, Kurve rechts....geiler run! Ups, die grosse Kante ist weg, naja das hab ich ja beim hochschieben so gesehen, schade....aber egal. Kurve rechts, Kurve links............gleich kommt die Kante...........das war genau der letzte Gedanke an den ich mich erinnern kann als ich nach ein paar Sekunden (oder waren es Minuten...ich weiss es nicht?! ) wieder zu mir kam.

Wow, was war das ? Mein Oberkörper tut weh....doch das war nur das geringste Übel. An meiner Zunge spürte ich meine beiden Schneidezähne, doch ich fühlte mit der Zunge gerade gegen meinen Gaumen. Da neben klaffte eine grosse Lücke, und ganz rechts spürte ich eine scharfe Kante im Mund. Dann wurde mir bewusst das meine Nase rot ist und ich ein merkwürdiges Gefühl an der Oberlippe hatte. Aber, seht selber....

In dem Moment konnte ich nur erahnen wie es aussieht, also zog ich den Helm ab und spürte ein Stück meiner Oberlippe direkt unter der Nase pappen. Der Helm war ebenfalls rot gesprenkelt, mein Pullover war rot eingesaut, ja selbst der Boden unter mir schimmerte in einem netten Rotton. Erst mal wollte ich wissen wie schlimm das wirklich ist und schob mich und mein Fahrrad zum Auto. Auch wenn es nur 200 m waren dachte ich das nie da ankommen würde. Stumm zog ich den Schlüssel, öffnete die Tür und setzte mich auf den Sitz um einen Blick in den Rückspiegel zu werfen. Der Anblick erinnerte eher an eine Terminator Szene. Trotz das ich meinen Mund geschlossen hatte konnte ich meine vorderen Zähne sehen, das Blut siffte über die Unterlippe auf den Sitz und in den Fussraum....lecker. Wie und wo ins Krankenhaus?! Krankenwagen rufen? Zahlt das die Krankenkasse? Ich war mir da nicht so sicher und da ich ja eh so unheimlich viel Kohle habe bevorzugte ich die billigere Alternative... ich fuhr selber. Also, Fahrrad in den Kofferaum, und los. Das Hülser Krankenhaus ist nur 5 Km weg, aber die hatten mir schon damals die Schulter scheisse eingekugelt, was soll dann erst aus der Lippe werden, da seh ich ja nach der OP aus wie Django. Nö, Maria Hilf....universell gut. Also, es war mittlerweile 13.30 Uhr, Abfahrt ins Hospital. Es war recht schwierig zu fahren da ich nicht wollte das mich so jemand sieht, also hielt ich mir die linke Hand elegant vors Gesicht (was totaler Schwachsinn war, denn drum herum, inkl. Hand war eh alles Blutrot ) und schaltete und lenkte mit der rechten.

Nach 25 Minuten kam ich dann endlich im Maria Hilf Hospital an, nahm meine Versichertenkarte mit aus dem Auto und ging zum Haupteingang. Ich guckte die Frau an der Pforte nur an und sie wies mir direkt, jedoch etwas entsetzt, den Weg zur Notaufnahme. Die Schwester zeigte mir direkt den Not OP, ich durfte mich endlich auf die Liege legen und sie fing mit dem reinigen der Wunde an hörte aber schnell wieder auf weil sie ziemlich ratlos war. Der Arzt guckte mich an, fragte nach meiner Versichertenkarte und sagte mir das die mich da nicht behandeln können, da muss ein Spezialist ran. Sie legten mich in einen Krankenwagen, und ich kam in den Genuss mal mit Blaulicht und Sirene zu fahren. Sie brachten mich nach Uerdingen in die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie. Gegen 14. 30 Uhr kam ich in der Notaufnahme an und ich war so froh endlich da zu sein, denn alles was ich wollte war operiert zu werden und morgen wieder mit vernähter Lippe und gerichtetem Kiefer aufzuwachen. Doch der Wunsch sollte noch lange nicht Erfüllung gehen.... Die Schwester setzten mich in einen Rollstuhl, jeder gaffte mich an, was mir wirklich peinlich war und ich wurde von Abteilung zu Abteilung geschickt. Röntgen, auf den Arzt warten, Blutdruck messen, wieder Röntgen, Fotos machen (s.o.) die Schwestern benachrichtigten meine Eltern etc. Gegen 16 Uhr, gut 3 Stunden nach dem Unfall legte man mich auf ein Zimmer, RUHE, das war auch was nettes. Der Arzt kam rein legte mir einen Tropf an und nahm mir Blut ab (nicht das ich schon genug verloren hätte). Als er das Blut abnahm wurde mir kalt und schwindelig ich fing an zu schwitzen.....dann wurde es wieder Schwarz vor meinen Augen, toll. Ich wurde direkt wieder wach und fragte den Arzt wann ich endlich operiert werde, ich bekam die großarteige Antwort: "Heute noch auf jeden Fall".

Die folgenden 2 Stunden waren mehr als grausam. Als nächstes kam ein Zivi rein der die Aufnahmepapiere ausfüllen sollte, sein Kommentar: "Scheisse, ich mach das heute zum ersten mal". Natürlich, wie sollte es auch anders sein. Er verschwand, dann ging wieder die Tür auf....der Arzt. JUHU, werde ich endlich Operiert? Nein, natürlich. Er überbrachte mir die frohe Botschaft das in den nächsten 30 Minuten die Narkoseärztin zu mir kommen wird. Das wirklich ekelhafte in der Zwischenzeit war das ich begann mein eigenes Fleisch zu riechen da die Wunde ja direkt unter der Nase war. Die Narkoseärztin erzählte mir dann die Risiken einer Vollnarkose, Lähmungen, im Extremfall tot.... "und jetzt unterschreiben sie bitte hier unten Ihre Zustimmung" ... da kam ich mir doch etwas verarscht vor. Nach viel hin und her kamen mich um 18.30 Uhr, gut 5.5 Stunden nach dem Unfall endlich 2 Schwestern abholen die sagten: "Es geht los". Ab da war es wie im Fernsehen, man liegt in diesem wirklich arsch unbequemen Bett, die eine Schwester hält den Tropf hoch, die andere schiebt mich den Gang entlang und man registriert nur die Lichter an der Decke die an einem vorbeiziehen. Im OP angekommen zog ich mich bis auf die Unterhose aus und legte mich auf die noch viel unbequemere und kalte OP-Liege. Die Schwester legte mir ein paar Kabel an, dann kam die Narkoseärztin und sagte: "Zählen sie bis 10, dann werden sie schlafen, wird schon alles wieder gut, machen sie sich keine Sorgen?" Jut, 1....2...plöpp

Ich wachte gegen 22.00 Uhr mit Schüttelfrost an noch mehr Drähten wieder auf. Eine Schwester war direkt da und sagte: "Haben sie noch Schmerzen?". Mir war nur arschkalt, nicht mehr.... "machen sie sich keine Sorgen sie hatten einen Unfall und liegen auf der Intensivstation". Wie Intensiv?! Hat der Arzt Scheisse gebaut? Nein, wie sich rausstellte wurde der Aufwachraum renoviert und solange kommen alle Patienten nach der OP auf Intensiv, haha.

Resultat der Unfalls: grosse Weichteilwunde an der Oberlippe, der Riss ging ein Stück in die Nase rein und sogar das Lippenbändchen war gerissen (42 Stiche genäht), Wunden am Kinn (3 Stiche genäht), 2 Zähne aus dem Kiefer gelöst (mit Metallspange fixiert), 2 Zähne abgebrochen (Pech gehabt) und ein Muskel im Gesicht abgerissen (1 Stich genäht), eine Platzwunde auf der Nase (wurde geklebt). Wer jetzt denkt "wat fährt der Idiot auch nur mit ner Halbschale aufm Kopp Downhill".... neenee, siehe die Bilder meines Helmes!

Die nächsten 2 Tage bekam ich Essen nur über den Tropf, danach durfte ich 5 Tage nur Suppen und Kraftbrühen mit Strohhalm zu mir nehmen, dann bekam ich Weißbrot ohne Kruste. Die ersten Tage dachte ich das ich mein Leben lang total entstellt aussehen würde, der Arzt sagte mir aber das ich mir darum keine Sorgen machen sollte. Wo immer ich drauf gefallen bin, es muss sehr spitz und hart gewesen sein, sagte er. 5 cm höher und es wäre im Auge gelandet (dann hätte ich wenigstens sagen können, ich habs kommen sehen, hahahahaha ), 5 cm tiefer und es hätte im Hals gesteckt und das hätte ich nicht überlebt. Er meinte das ich einen guten Schutzengel hatte (Danke Gregor). Man bot mir auch an ein Jahr nach der OP eine Schönheits-OP durchzuführen, da könne man die Narben noch reduzieren, aber jetzt, einen Monat später bin ich seeeehr zufriden mit dem Ergebnis. Respekt und 10000 Dank an den Arzt der das Puzzle wieder zusammen gesetzt hat. Genausoviel Dank auch an die Leute die mich besucht und mir im Krankenhaus Gesellschaft geleistet haben: Thomas, mein Bruder, der jeden Tag für mich da war!!, meine Eltern, Waldy, Jens, Daniel (alles Gute für Deine Hand!!), Ramona, Morris, Monica und Alina, Lutz, Karsten und Ingo(Resi), Julia und Eva und das Team der K52 das mich regelmäßig angerufen hat, und meine beiden Bettnachbarn mit denen ich viel Spass hatte (auch wenn mir das Lachen schwer viel, mit dem Lappen im Gesicht). Schön zu wissen das Ihr nicht nur oberflächlich für mich da seit sondern auch dann wenn es ernster ist (und ich nicht reden kann, was viele ja lustig fanden und ausgenutzt haben, da ich keine Widerworte geben konnte....danke Morris :)

Zum Glück hielten sich die Schmerzen in Grenzen, da alle Nerven und Lympfgefässe durchtrennt waren. Ich hab jetzt noch ein paar Zahnarzttermine vor mir, die Lippe ist noch etwas geschwollen, aber das wird alles schon wieder, die Ärzte sagen das ich in 6 Monaten wieder aussehe wie früher, wenn nicht lass ich mir einen Bart wachsen :)

WICHTIG: Mich interessiert eure Meinung, darf ich nach einem Sturz mit relativ geringer Geschwindigkeit (ca. 45 km/h) trotz tragen eines Motocross-Helmes so aussehen? Darf ein Helm da überhaupt brechen? Sollte ich irgendwie gegen Fox vorgehen oder meint Ihr das der Helm mich noch vor schlimmerem bewahrt hat?!
Mailt an: fressferkel@web.de
Dankä

Markus
(2002)